mein Name ist Holger Behrens und ich bin geschäftsführender Gesellschafter der DiViBib GmbH. Insofern mögen alle meine Gedanken und Ausführungen „gefärbt“ sein – dennoch bitte ich um sachliche Auseinandersetzung damit.
Zu der von uns „losgetretenen“ Diskussion in den bibliothekarischen Foren und Blogs, insbesondere zur Nutzung des Begriffs „Bibliothek 2.0“ möchte ich ein paar grundsätzliche persönliche Nicht-Bibliothekarische Kommentare abgeben, bevor Herr Christian Hasiewicz auf Ihre Anmerkungen im Einzelnen eingeht:
1. Die „Onleihen“ der Städte Hamburg, Würzburg und Köln sind KEIN Angebot der DiViBib GmbH, sondern ein Angebot dieser Städte. Die DiViBib GmbH ist „nur“ ein Dienstleister, der Wünsche und Bedürfnisse von öffentlichen Bibliotheken umsetzt. Die „Onleihen“ in der jetzigen Form sind ein Ergebnis der Diskussion zwischen den Wünschen der Pilotbibliotheken auf der einen Seite und dem technisch, wirtschaftlich und juristisch Machbaren, vertreten durch die DiViBib, auf der anderen Seite.
2. Ein Zitat aus Wikipedia: „Versionsnummern unterscheiden in der Softwareentwicklung die einzelnen Versionen einer Software. Durch die oft langjährige Produktlaufzeit und sich mehrfachen anreihenden Entwicklungszyklen ist es unerlässlich definierte Stände zu erstellen. Die Versionsnummer ist die Grundlage der [sic] für die Versionsverwaltung. Der Prozess der Vergabe der Versionsnummer nennt man Versionierung. […] Eine Hauptversionsnummer (major release) indiziert meist äußerst signifikante Änderung am Programm – z. B. wenn das Programm komplett neu geschrieben wurde (z. B. GIMP 1.x nach 2.x).“ – wir sind überzeugt davon, dass der Verzicht auf ein Trägermedium beim Ausleihen von Inhalten und die Möglichkeit der bequemen Ausleihe von Zuhause aus – also nicht nur die Interaktion mit Metadaten (z.B. Recherche oder Reservierung) sondern die zeitlich befristete Nutzung von Inhalten aller Art aus einer öffentlichen Bibliothek sehr wohl eine „äußerst signifikante Änderung am Programm“ darstellt. Die digitale Revolution wird einen größeren strukturellen Wandel für die öffentlichen Bibliotheken nach sich ziehen, als irgendein anderes Ereignis in den letzten 50 Jahren – sie ist viel mehr als „nur“ die Einführung eines neuen Mediums wie es z.B. die DVD war. Sind Sie diesbezüglich anderer Meinung?
3. Nicht alles, was „2.0“ ist, hat etwas mit „Web 2.0“ zu tun. Das erste Mal, dass ich mit dem Begriff „IRGENDETWAS 2.0“, was nicht Software war, konfrontiert wurde, war beim Ende der „New Economy“. So ca. 2002 schrieb ein kluger Wissenschaftler, was in der New Economy alles falsch gelaufen ist und was ab jetzt in der Internetwirtschaft alles besser/anders laufen würde/müsste. Diese neuen Paradigmen fasste er unter dem Begriff „Business 2.0“ zusammen. Auf der Suche nach diesem Artikel bin ich dann darauf gestoßen, dass bereits 1995 eine Zeitschrift mit dem Titel „Business 2.0“ auf den Markt gekommen ist. Das war also ca. 10 Jahre bevor Herr O’Reilly das „Web 2.0“ ins Gespräch brachte. Hat Herr O‘Reilly sich im Jahr 2005 also der „Begriffsverdrehung“ schuldig gemacht? Macht sich Ihrer Meinung nach jetzt auf einmal jede Softwarefirma, die eine „Version 2.0“ von etwas herausbringt, die keine „Web 2.0“ Elemente hat, des Etikettenschwindels schuldig?
4. Die Zielgruppe der PR-Kampagne zum Start der „Onleihen“ waren NICHT wissenschaftlich geschulte Bibliotheksmitarbeiter von wissenschaftlichen Bibliotheken (so wie Sie und die meisten Diskutierenden im NetBib-Blog), sondern normale Bibliotheksbenutzer von öffentlichen Bibliotheken und solche, die es werden könnten. Bitte gehen Sie in Berlin auf die Straße und fragen Sie dort beliebige Passanten nach ihrer Definition von „Bibliothek 2.0“. Und danach befragen Sie die Leute auch noch, wie „wichtig“ ihnen der Diskurs über die „richtige“ Definition ist. Was denken Sie, wie vielen „normalen“ Menschen die „Bibliothek 2.0“ schon so wichtig war, dass sie diese bei Wikipedia recherchiert haben? Es ging bei unserer Begriffsbenutzung darum Journalisten und „normale“ Menschen für das Thema „Onleihe“ bei den öffentlichen Bibliotheken zu interessieren – dies ist mit dem Kunstwort „Onleihe“ (das man mögen kann oder auch nicht) und dem Begriff „Bibliothek 2.0“ (selbst wenn er Ihrer Meinung nach „falsch“ genutzt wird) gelungen. Leider kommen (öffentliche) Bibliotheken auf nationaler Ebene normalerweise vor allem dann in die Schlagzeilen und die öffentliche Diskussion, wenn Sie abgebrannt sind („Anna-Amalia-Bibliothek-Phänomen“) – dies finden wir schade und wollten gemeinsam mit den Pilotbibliotheken etwas dagegen tun.
5. Wie Sie sich anhand unserer Firmen-Webseite http://www.DiViBib.com (oder auch in Gesprächen mit Bibliothekaren aus öffentlichen Bibliotheken) vergewissern können, haben wir gegenüber Bibliotheken nie behauptet, dass wir eine „Bibliothek 2.0“-Lösung anbieten, sondern haben diesen „Claim“ nur gegenüber der Nicht-Bibliothekarischen-Öffentlichkeit genutzt (siehe auch Punkt 4). Sie finden auf unserer Web-Seite oder in einer unserer Präsentationen keinmal das Wort „Bibliothek 2.0“.
Ich kann aus den oben genannten Gründen die Aufregung um unsere Verwendung des Begriffes „Bibliothek 2.0“ nur sehr bedingt verstehen: JA, im wissenschaftlichen Kontext war das Label 100% falsch – NEIN, im praktischen Einsatz für die Zielgruppe der Kommunikation war das Label 100% sinnvoll und richtig.
Umso mehr freue ich mich, dass Sie das Konzept der Onleihe, so viele Unzulänglichkeiten es derzeit auch noch hat, grundsätzlich begrüßen. Bitte haben Sie immer vor Augen, dass dieser Service jetzt gerade mal 6 Wochen alt ist und naturgemäß noch einige „Kinderkrankheiten“ hat. Wenn man aber mit einem Kind immer nur „schimpft“ und ihm sagt, was es alles falsch macht, dann wird es sich bestimmt nicht optimal entwickeln (mir sei dieser Vergleich in dem Kontext nachgesehen, weil ich vor 4 Wochen zum ersten Mal Vater geworden bin und mich darum mit diesen Themen dieser Tage intensiver beschäftige).
In diesem Sinne freue ich mich auf die weitere konstruktive Diskussion über den Service Onleihe und fände es schön, wenn wir aus der bibliothekarischen Blog-Community vielleicht auch noch etwas mehr Lob für die von uns geleistete Arbeit bekommen. Bei der DiViBib haben 18 Menschen in den letzten zwei Jahren sehr viel Energie und Herzblut in das Projekt gesteckt – es ist schade, dass deren Leistung in den Blogs so wenig gewürdigt wird. Mir persönlich ist die Anerkennung unserer Kunden und der vielen Bibliotheksnutzer, die die Onleihe schon heute oft und gerne nutzen, zugegebenermaßen viel wichtiger und Bestätigung der Richtigkeit unseres Tuns genug.
Mit freundlichem Gruß aus Wiesbaden
Holger Behrens
Geschäftsführer DiViBib GmbH